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Eine moderne Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass wir in ihr die Verschiedenheit von Menschen und deren Lebensentwürfe akzeptieren. Der Pädagogik fällt dabei die hohe Aufgabe zu, das Bewusstsein und die Akzeptanz von Individualität in der Gemeinschaft zu schaffen und zu fördern. Wir sehen hier die Vision einer Gesellschaftsform, in der alle Menschen mit ihrer Unterschiedlichkeit angenommen und respektiert werden sowie mit all ihren Eigenheiten und Potenzialen einen Platz finden.

Sich für eine derartige Vision stark zu machen, ist besonders erstrebenswert, da es die Weiterentwicklung unserer demokratischen Werte bedeutet. Denn eine solche Gesellschaftsform stellt die höchste Stufe unserer Demokratie dar.

Wie aber kann es uns gelingen, diese ambitionierten Ziele umzusetzen?

Die rechtlichen Voraussetzungen für eine Weiterentwicklung unserer Gesellschaft sind insbesondere durch die UN-Konvention aber auch zahlreiche nationale Gesetzte bereits gegeben. Für deren erfolgreiche Umsetzung ist es erforderlich, dass alle Menschen gleichermaßen die Möglichkeit besitzen, an Bildung, kulturellen Angeboten, Dienstleistungen, Arbeit sowie politischem und gesellschaftlichem Leben teilhaben zu dürfen. Die Grundlagen dafür sind insbesondere Antidiskriminierungsrechte sowie Barriere-  und Wahlfreiheit.

Um die notwendigen Strukturen schaffen zu können, muss sich die soziale Gemeinschaft so verändern, dass eine uneingeschränkte Teilhabe möglich ist. Denn Inklusion kann nur gelingen, wenn sich nicht nur Institutionen dafür stark machen, sondern sich auch die Bürger selbst für die Entwicklung der entsprechenden Strukturen einsetzen. Dafür braucht es nicht immer ausschließlich großen Aufwand und Energie. Es beginnt damit, dass jeder an seinem Platz und im Rahmen seiner Möglichkeiten im Sinne des genannten Menschenbildes Entscheidungen trifft, die gelebte Inklusion möglich macht.

Was spricht dagegen, beispielsweise in seinem Kirchenchor auch Menschen aus einem Flüchtlingsheim oder aus einer Behindertenwerkstatt mit einzubeziehen? Warum sollte es verkehrt sein, einen Nachbarn oder Kollegen zu akzeptieren, nur weil er aufgrund seiner körperlichen Behinderung bisweilen eingeschränkt ist? Viele bekannte Beispiele, wie etwa das Konzept des Mehrgenerationswohnens, entstehen aus dem Engagement einzelner. Je mehr Menschen sich für die Veränderungen in der eigenen Umwelt einsetzen, umso mehr kann die Vision eines inklusiven Menschenbildes gemeinschaftlich getragen werden und erhält so in der Gesellschaft einen zunehmend akzeptierten Platz. Gelebte Inklusion entsteht also nicht durch gesetzliche Vorgaben, sondern durch bürgerliches Engagement, durch ein tragfähiges Netzwerk einzelner. Damit einher gehen die Prinzipien des selbstbestimmten Handelns, der Eigenverantwortung und Autonomie.

Esther Wolfram Diplom-Pädagogin, systemische Beraterin (SV), Beraterin für inklusive Prozesse in Organisationen
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