Kultur verändern – Inklusion kultivieren

Pädagogische Betrachtung von Inklusion

Zu den Aufgaben der Prozessberatung gehört die Entwicklung innerer Bilder oder vielmehr eines Menschenbildes und der dazugehörigen Haltung. Hierbei geht es nicht nur um theoretische Grundannahmen, Motive und Wertesysteme, sondern auch um praktische Erfahrungen, die in Organisationen und im Umfeld gemacht werden. Das Bild, welches wir uns von einem anderen Menschen machen, rührt aus der Gesamtheit persönlicher und damit subjektiver Annahmen und Überzeugungen. In Folge dessen versuchen wir, Menschen zu verstehen und zu kategorisieren.

Traditionell gesehen sind wir von pädagogischen, psychologischen, philosophischen und gesellschaftspolitischen Bildern beeinflusst.

Der Versuch einer beispielhaften Erklärung für eine kulturelle Veränderung in der Pädagogik:

In seinem Buch „Das Normalisierungsprinzip“ beschreibt Walter Timm den geschichtlichen Wandel eines Denkprozesses. Dabei spielen die dänischen Ansätze von N. E. Bank-Mikkelsen und Bengt Nirje eine große Rolle. Auch wenn Sie diese Namen noch nie gehört haben, wissen Sie doch vom Grundsatz unserer heutigen westlichen Gesellschaft, Menschen mit Behinderungen als Mitbürger mit uneingeschränkten Rechten auf ein normales Leben in unserer Gesellschaft zu betrachten.

Wolfgang Jantzen betrachtet in seinem Buch „Allgemeine Behindertenpädagogik, Teil 1: Sozialwissenschaftliche und psychologische Grundlagen“ die Zeit des Nationalsozialismus als einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel, der den Wert eines Menschen in ein komplett anderes Licht rückt. Als eines der wichtigsten Standardwerke arbeitet dieses Lehrbuch die unterschiedlichen Aspekte des Lernens, der Entwicklung und Persönlichkeitsentfaltung zum Kern einer allgemeinen Pädagogik auf.

Der Mensch gilt heute als Experte in eigener Sache

In dem Buch „Empowerment und Inklusion behinderter Menschen: Eine Einführung in Heilpädagogik und Soziale Arbeit“ von Georg Theunissen beschreibt der Autor den Umbruch in der pädagogischen Haltung. Ging es bisher um Normalisierung und Integration, so ist heute von Empowerment, Selbstbestimmung und Inklusion die Rede, von der „SelbstErmächtigung“, Selbstvertretung, Teilhabe und Anerkennung behinderter Menschen als Bürger unserer Gesellschaft. Der Mensch – jeder Mensch – wird als Experte in eigener Sache betrachtet.

Wie hat sich das Denken in der Gesellschaft verändert?

In der Zeit der 1968er, der Protestbewegung und Popkultur, hält ein neues Menschenbild Einzug in die Gesellschaft. In den bitteren Nachwehen des Nationalsozialismus‘, in der Erstarrung der Nachkriegszeit und der biederen Spießigkeit des Wirtschaftswunders befreien sich junge Menschen von alten Werten, strenger Normierung und eherner Etikettierung. Pluralismus, Toleranz und das Ausprobieren von neuen Lebensentwürfen führt zu einem Umdenken – hin zu einer modernen Gesellschaftsform.

Betrachten wir die gesellschaftlichen Veränderungen an einem klassischen Beispiel: Die Gleichstellung der Frauen, so wie wir sie heute erleben, war nicht immer selbstverständlich. Selbst im 21. Jahrhundert gilt der Prozess des gleichberechtigten Miteinanders der verschiedenen Geschlechter noch längst nicht als abgeschlossen. Wenn wir uns die Geschichte der Gleichstellung etwas näher anschauen, wird uns auffallen, wie kurz ebenjene ist.

Gesellschaftliche Veränderung am Beispiel der gesellschaftlichen Stellung der Frau

Im Zuge der französischen Revolution bildeten sich um 1790 die ersten Frauenclubs. Als eine der ersten Feministinnen galt

Olympe de Gouges, deren „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“ im September 1791 veröffentlicht wurde. Zwei Jahre später wurde sie hingerichtet. Die Zeit des Umbruchs bildete die Grundlage, dass Frauen sich mehr engagierten und ihnen bewusst (gemacht) wurde, wie wenig Rechte sie gegenüber ihren Männern hatten. Also begannen sie damit, ihre vollen Bürgerrechte einzufordern.

Ein ganzes Jahrhundert später war Frauen die Aufnahme in politische Vereinigungen noch immer nicht gestattet, geschweige denn dass sie ein Wahl- oder Mitbestimmungsrecht hatten. 1865 gründet Luise Otto-Peters den „Allgemeinen Deutschen Frauenverein“, der sich primär für bessere Bildungsmöglichkeiten für Frauen einsetzt. 1878 wird zum ersten Mal der Mutterschutz gesetzlich geregelt. 1891 legt man in Deutschland die Wochenarbeitszeit für Frauen über 16 Jahre auf 65! Stunden fest. Im Jahre 1900 tritt das Bürgerliche Gesetzbuch in Kraft. Mit seinen Regelungen zu Ehe und Familie verankert es die Rechtsstellung der Frau im Sinne der patriarchalischen Tradition, das heißt dem Ehemann kommt das Entscheidungsrecht in allen Fragen des Ehe- und Familienlebens zu. Erst ab 1913 können Frauen an Hochschulen studieren und 1918 erhalten sie erstmals das aktive und passive Wahlrecht. Viel später (1958) tritt das Gleichstellungsgesetz in Kraft. Bis 1957 dürfen Frauen ohne Zustimmung ihres Ehemannes kein eigenes Konto eröffnen.

Es sollte weitere zwanzig Jahre dauern, bis Frauen über ihr Leben selbst entscheiden dürfen. Denn bis 1977 galt § 1356 BGB Absatz 1: „[1] Die Frau führt den Haushalt in eigener Verantwortung. [2] Sie ist berechtigt, erwerbstätig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist.“

Der lange Weg von einer Forderung nach gesellschaftlicher Veränderung bis hin zur Selbstverständlichkeit.

Windelwechseln ist heute eine Selbstverständlichkeit sowohl für junge Mütter als auch für junge Väter. Außerdem ist der Erziehungsurlaub endlich auch für Männer gesetzlich geregelt, obwohl diese im Allgemeinen nicht länger als zwei Monate für sich beanspruchen. Denn auf das volle Einkommen der Männer kann die Familie oft nicht verzichten, weil auch heute noch Männer durchschnittlich mehr verdienen als Frauen. Doch hier bewegt sich einiges – sowohl in den Herzen als auch in den Köpfen.

Woher stammen unsere Denkmuster und Werte-Vorstellungen?

Schon immer war unser Denken geprägt durch gesellschaftliche Vorstellungen. Jahrhunderte galt die Kirche insbesondere in diesem Zusammenhang als oberster Normgeber. Unsere heutige Prägung leitet sich hingegen durch die Humanwissenschaft ab beziehungsweise durch deren Vertreter. Hierzu zählen beispielsweise Abraham Maslow mit seiner „Bedürfnispyramide“, Carl Rogers und seine „Klientenzentrierung“, Alexander Sutherland Neill mit seiner „Summerhill-Schule“ sowie die „Soziologische Aufklärung“ von Niklas Luhmann. Viele weitere Vertreter aus den Sozialwissenschaften haben unser Denken beeinflusst. Zahlreiche Theorien fließen in aktuelle Leitideen, in Organisationen, Institutionen und unser gesellschaftliches Leben ein.

Auch wenn viele theoretische und praktische Ansätze im Detail unterschiedlich sind, so haben sie doch Grundsätzliches gemeinsam:

  • Autonomie und soziale Interdependenz: In unserer heutigen Gesellschaft ist es den Menschen wichtig, ihr Leben nach eigenen Vorstellungen und Fähigkeiten zu gestalten. Der Mensch fühlt sich nicht nur für sich, sondern auch für das Gemeinwohl verantwortlich.
  • Selbstverwirklichung: Viele Menschen sind nicht nur auf Ausgleich und Harmonie bedacht, sondern möchten ihre schöpferische Kraft einbringen. Dies hat für viele eine große Bedeutung.
  • Ziel- und Sinnorientierung: Der moderne Mensch strebt nicht nur nach Ruhm und Geld, sondern Werte haben eine große Bedeutung und sinnvolle Ziele motivieren das Handeln.
  • Ganzheit: Der Mensch ist mehr als nur die Summe seiner Eigenschaften. Er nimmt sich als emotionales, soziales, kognitives und schöpferisches Wesen wahr. Der Mensch mit seinen vielen unterschiedlichen Potenzialen ist weit über kognitive Fähigkeiten hinaus in der Lage, seinen Beitrag in die Gesellschaft einzubringen. Diese Potenziale müssen erkannt und gefördert werden.

Übertragen auf unser Leben bedeutet dies, dass ein Konzept einer Organisationskultur darüber entscheidet, wie Menschen mit ihren Werten, Leitideen und Erfahrungen im Einklang mit der Organisation leben. Fühlt sich der Mensch kongruent (übereinstimmend), so ist das Handeln motiviert und durch Leitgedanken getragen. Fühlt sich der Mensch ambivalent (gespalten), wird er wenig motiviert Entscheidungen treffen können.

Doch wie kann eine weitergehende Veränderung gelingen?

Als Zeugnis einer weltweit zu beobachtenden „SelbstErmächtigungsbewegung“ ist Empowerment aus der Heil- und Sonderpädagogik nicht mehr wegzudenken. Inklusion kann weder verordnet noch dinghaft gemacht werden. Inklusion ist eine Haltung, eine Leitidee und muss daher gelebt werden. Eine gelebte Inklusion zieht inklusive Entscheidungen und Handlungen nach sich.

Wenn Sie sich jetzt angesprochen fühlen, dann überprüfen Sie Ihre eigenen Gedanken, Haltungen und Ideen. Folgende Fragen möchte ich Ihnen hierzu stellen:

 

  • Wann haben sie zum ersten Mal eine Ausgrenzung erlebt?

  • Wie war das für Sie?

  • Wann haben Sie in der letzten Zeit Diskriminierungen bei sich oder anderen erlebt?

  • Wie ist es Ihnen damit ergangen?

  • Wann konnten Sie Ausgrenzungen verhindern?

 

Inklusives Denken beginnt in den Köpfen und leitet Ihr Fühlen und Handeln weiter.

 

Und damit sind wir auch schon am Ende des ersten Teiles der Inklusionswerkstatt. Ich freue mich auf Ihre Kommentare, Anregungen und gemeinsame Diskussionen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine gute Zeit.

 

Esther Wolfram, Ihre Inklusionsberaterin

 

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