Inklusion leben. Gemeinsam.

Von Anfang an!

„Chancengleichheit besteht nicht darin, dass jeder einen Apfel pflücken darf, sondern dass der Zwerg eine Leiter bekommt.“ Dieses Zitat des früheren Direktors im Diakonischen Werk der Kirchenprovinz Sachsen, Prof. Dr. Reinhard Turre, macht auf charmante Weise deutlich, worum es bei der Inklusion geht. Denn niemand der Befürworter, Beteiligten und Betroffenen fordert Gleichmacherei. Im Gegenteil!

Doch wie sieht die reale Situation in Deutschland aus? Die meisten Kinder mit Behinderungen sind auch heute noch (Stand: 2016) in Förderschulen und Sondereinrichtungen untergebracht – ausgeschlossen vom Rest der Gesellschaft. Die mangelnde Integration beginnt bereits im Kindergarten. Schlimmstenfalls erfahren die Jüngsten unter uns bereits hier, was Ausgrenzung bedeutet, wie es sich anfühlt, anders zu sein. Nicht selten müssen Eltern von behinderten Kindern sogar auf ihren Beruf verzichten, bis ihr Kind in die Schule kommt, und sind in dieser Zeit auf staatliche Transferleistungen angewiesen.

Dabei belegen seit den 1970er Jahren einzelne Projekte in Deutschland, dass Kinder mit einer Behinderung sowohl im Regelkindergarten als auch in der Regelschule ebenso gut lernen können wie in sonderpädagogischen Einrichtungen. Und doch besteht nach vierzig Jahren in der Mitte der Gesellschaft sowie bei den Verantwortlichen eine große Skepsis gegenüber dem, was eigentlich längst Alltag sein sollte: BILDUNG FÜR ALLE.

Natürlich könnte man meinen, dass das Bildungsangebot für Menschen mit Behinderungen sehr wohl besteht. Stimmt. Ausgegrenzt und abgeschoben bleiben geistig und körperlich Behinderte von klein auf unter sich. Und die traurige Wahrheit ist, dass viele Eltern diese „geschützten Einrichtungen“ als einen Segen empfinden.

Insbesondere dann, wenn sie im sozialen Umfeld, auf dem Spielplatz, im Supermarkt oder sogar innerhalb der eigenen Familie spüren, dass sie und ihre Kinder diskriminiert werden und nicht selten schmerzhafte Erfahrungen machen müssen. Oder ist das längst Vergangenheit? Sind wir im Jahre 2016 tatsächlich eine aufgeklärte, tolerante und der Vielfalt aufgeschlossene Gesellschaft?

Die Welt bleibt nicht stehen und tatsächlich entwickeln wir uns weiter. Seit der Verabschiedung der „Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen“ durch die Vereinten Nationen im Jahre 2006 und deren Ratifizierung durch die Bundesrepublik Deutschland in den Jahren 2008 und 2010 gibt es nicht nur in Deutschland einen Rechtsanspruch auf Gleichbehandlung. Mit der VN-BRK sind wir gesellschaftlich in die Phase der Inklusion eingetreten.

Doch damit aus einer leblosen Vereinbarung farbenfrohe Realität wird, in der jedes Kind die Chance auf Leben, Lernen, Liebe erhält und sich individuell gemäß seinen Möglichkeiten entfalten kann, braucht es mutige Menschen mit dem Herz am richtigen Fleck, Tatkraft und Visionen.

Daher möchte im heutigen Blog mit Ihnen in die Zukunft schauen …

 

Auf Aussonderung verzichten. Vielfalt als Chance begreifen.

Immer wieder erleben wir besorgte Eltern „gesunder“ Kinder, die sich über Gleichmacherei und mangelnde Individualität im Kontext der Inklusion beklagen. Wer so argumentiert, hat die Chance der inklusiven Bildung und Betreuung leider noch nicht in ihrem Wesen verstanden.

Denn bedeutet nicht gerade die Aussonderung beziehungsweise Differenzierung der Menschen nach geistigen und körperlichen Erscheinungsmerkmalen Gleichmacherei? Wie sollen unsere Kinder lernen, dass es hier Unterschiede gibt, wenn sie nur unter sich sind? Erst, wenn alle Kinder ihre unterschiedlichen Fähigkeiten, Erfahrungen und Kenntnisse in einheitlichen Bildungseinrichtung einbringen und entfalten können, wird die Vielfalt deutlich und kann als Chance begriffen werden.

Für die pädagogischen Fachkräfte aber auch für die Eltern heißt das, den Alltag in Kindergarten und Schule neu zu entwerfen und sich mit den entstehenden Herausforderungen weiterzuentwickeln. Denn die gibt es, vor allem in den Köpfen der Erwachsenen. Kinder kennen keine sozialen, kulturellen oder religiösen Barrieren, bis sie von außen darauf aufmerksam gemacht werden.

Insofern liegt es an uns Erwachsenen, sich für die Individualität unserer Kinder und deren Chancengleichheit zu öffnen. Der erste Schritt in eine Zukunft ohne Ausgrenzung, Diskriminierung und Angst vor dem Anderssein beginnt damit, dass wir auf jegliche Form der Aussonderung verzichten. Kein Kind soll mehr aussortiert und abgeschoben werden, nur weil es nicht der Norm entspricht. Hierbei müssen Eltern, Erzieher, Pädagogen und Politiker gemeinsam dafür Sorge tragen, dass alle Kinder mit Lernschwierigkeiten (unabhängig von der Behinderung) gezielt gefördert werden können. Wie kann das gelingen?

 

Inklusion bedeutet Partizipation, Reflexion und die Förderung sozialer Kompetenzen

Ein zentrales Element der inklusiven Bildung ist die Vielfalt, die Kinder in gemischten Gruppen mitbringen. Durch das gemeinsame Lernen und Spielen partizipieren Kinder und Jugendliche voneinander. Denn in der Schule geht es nicht mehr nur um die Vermittlung von Wissen.

Empathie, Sozialverhalten, Teamgeist und Toleranz können in keinem Leistungskurs erlernt werden, sondern werden sich nur in der Gemeinschaft entwickeln. Um diesen Lernprozess gestalten und fördern zu können, verlangt es von den Eltern, ihren Kindern Vertrauen entgegenzubringen, vom pädagogischen Personal hingegen, sich nicht mehr ausschließlich als Lehrender zu betrachten, sondern vielmehr der Lernsituation und deren Erfolg eine herausragende Rolle zuzuweisen.

Dazu braucht es fachliche Kenntnisse darüber, in welchen Situationen Kinder besonders gut lernen. Hier hat der Inklusionsalltag bereits gezeigt, dass Kinder, die sich in ihrer Entwicklung gegenseitig anregen, Fähigkeiten zeigen, die über die bloße Addition hinausgehen. Es werden nicht nur Vorurteile abgebaut und gegenseitiges Verständnis gefördert, sondern der Blick für die eigenen Stärken und Schwächen gestärkt.

 

Das Bildungssystem von heute ist die Gesellschaft morgen

Schauen wir für einen kurzen Augenblick zurück.

Zur Schulzeit unserer Eltern und Großeltern waren Individualität und Kreativität undenkbar. Und selbst wir haben mitunter noch gelernt, dass Kinder mit Down-Syndrom nicht bildungsfähig und Linkshänder abnormal sind. Und unser Nachwuchs?

Rückblickend wird deutlich, dass sich unsere Gesellschaft und mit ihr das Bildungssystem stark verändert hat. Wir haben uns verändert, weil es nun einmal in der Natur der Sache liegt, dass sich der Mensch in einer Gemeinschaft weiterentwickelt. Und genauso selbstverständlich ist es, dass uns ebenjene Veränderungen immer wieder Angst machen.

Doch anders als in der Vergangenheit wird heute darüber gesprochen, was verändert werden soll. Während die Umgestaltung im Bildungssystem früher ein schleichender Prozess war, der hinter verschlossenen Türen initiiert und analysiert wurde, können wir uns heute gemeinsam am bildungspolitischen Diskurs beteiligen.

So rückt der Weg der Inklusion näher in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung und ist so schon heute zu einem Teil unserer Gesellschaft geworden. Denn je mehr wir uns über Visionen, Erfahrungen und Meinungen austauschen, desto größer ist die Chance, dass die inklusive Bildung und damit die positive Entwicklung unserer Gesellschaft erfolgreich ist.

Denn unsere Kinder werden erwachsen und bestimmen schon morgen unsere Zukunft. Deshalb entscheidet die Qualität unseres Bildungssystems über die weitere Entwicklung unserer Gesellschaft, denn unsere Kinder werden ihre Erfahrungen und Fähigkeiten demnächst an ebenjene (also an uns) zurückgeben.

Und je besser unsere Kinder lernen, die Vielfalt als Chance zu begreifen, ihr eigenes Verhalten zu reflektieren und soziale Kompetenzen zu entwickeln, desto größer darf die Hoffnung sein, dass unser Dasein zukünftig nicht mehr von Ausgrenzung, Engstirnigkeit, Ignoranz und Eindimensionalität geprägt ist.

Nur durch Aktion können Ängste in Perspektiven verwandelt werden

Viele Eltern, die die Erfahrung der Förderung ihres Kindes in einer inklusiven Einrichtung gemacht haben, berichten im Nachhinein, dass sie zunächst skeptisch waren, bald aber eines Besseren belehrt wurden. Ein Großteil der Eltern würde ihr Kind nunmehr jederzeit in eine solche Einrichtung geben.

Doch trotz der zahlreichen positiven Erfahrungen sollten die Ängste der Betroffenen ernst genommen werden – schon allein deshalb, weil Eltern behinderter Kinder nach wie vor ihren Platz in unserer Gesellschaft suchen müssen beziehungsweise diesen zugewiesen bekommen, in Schubladen gesteckt werden und mit Vorurteilen aber auch mit Behörden zu kämpfen haben.

Nicht selten scheitert die inklusive Bildung daran, dass im Umfeld das Angebot fehlt oder gar vom zuständigen Amt die Einzelfallhilfe gestrichen wird. Und natürlich ist es wichtig, denjenigen Beachtung zu schenken, die mit Vorurteilen zu kämpfen haben. Jenen Eltern, die befürchten, dass ihr Kind durch die Inklusion schlechter lernen kann, weil es nicht die nötige Aufmerksamkeit erhält.

Der Weg der Inklusion ist also lang und bisweilen steinig. Umso mehr sollten wir uns an den Erfahrungen und Erfolgen orientieren, die sich naturgemäß nur erfassen lassen, wenn wir in Aktion treten. Im Rahmen einer erfolgreichen Inklusion können heute folgende positiven Lerneffekte benannt werden:

  • Kinder lernen instinktiv, mit Unterschieden umzugehen, sofern sie nicht davon abgehalten beziehungsweise durch falsche Vorurteile negativ beeinflusst werden.
  • Kinder mit Behinderungen sind Teil unserer Gesellschaft und werden durch die Inklusion in die Lage versetzt, produktiv zu sein und ihren gesellschaftlichen Beitrag zu leisten.
  • Durch die Vielfalt der Bedürfnisse, Voraussetzungen und Kenntnisse lernen Kinder in der inklusiven Bildung besser, Probleme zu definieren, Verständnis für andere zu entwickeln, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen sowie zu artikulieren und im Team Lösungen zu erarbeiten.
  • Im gemeinsamen Spiel lernen Kinder in heterogenen Gruppen besser, ihre Fähigkeiten sowie die Konsequenzen ihres Handelns einzuschätzen und zu reflektieren.
  • Selbst wenn einige Kinder eine umfangreichere Förderung erhalten, können beispielsweise therapeutische Maßnahmen im gemeinsamen Spiel niemals zum Nachteil der übrigen Kinder sein.

 

Der Fokus sollte auf die Stärken und nicht auf die Schwächen gerichtet sein

In der Regel müssen Eltern von behinderten Kindern medizinische und therapeutische Befunde mitbringen, wenn es um die Aufnahme in eine inklusive Einrichtung geht. Doch sollte nicht allein ein Befund darüber entscheiden, ob das jeweilige Kind in die Gruppe aufgenommen werden kann. Natürlich müssen die Grundbedingungen geprüft beziehungsweise geschaffen werden, doch weitaus entscheidender ist doch, ob ein Kind (behindert oder nicht) mit all seinen Stärken und Schwächen in diese kleine Gemeinschaft passt.

Wer Vielfalt als Chance und Individualität als Synergieeffekt nutzen möchte, der sollte hier die nötige Zeit investieren. Personalmanager in großen Unternehmen haben dies längst verstanden, nun sollte dieses Wissen auch flächendeckend bei den Jüngsten der Gesellschaft praktiziert werden.

Neben der richtigen Zusammenstellung einer Kindergartengruppe oder Schulklasse spielt insbesondere bei kleinen Kindern die Eingewöhnungsphase eine entscheidende Rolle. In dieser Phase können sich die Eltern beteiligen und zum Gelingen beitragen, indem sie wichtige Informationen weitergeben. Heilpädagogen und Erzieher/innen sind somit besser in der Lage, gemeinsam mit den Eltern die richtige Förderung festzulegen, in deren Mittelpunkt der individuelle Förderplan steht, welcher von allen Beteiligten unterstützt werden sollte.

 

Das Spielen als Basis der menschlichen Entwicklung

Zahlreiche Untersuchungen belegen längst, dass bereits im frühkindlichen Alter das Sozialverhalten geprägt wird. Kinder, die bis zum Schuleintritt nur ihre Mutter/ihren Vater als Bezugsperson kennen und von diesen in hohem Maße umsorgt werden, haben es später schwer, mit Gleichaltrigen in Kontakt zu treten und sich in der Gruppe durchzusetzen.

Denn bereits in der Zeit vor dem Schuleintritt sind die Erfahrungen, welche Kinder miteinander machen, für das spätere Leben ausschlaggebend. Vor allem im Spiel machen Kinder entscheidende Entwicklungs- und Lernfortschritte – unerheblich davon, ob sie behindert sind oder nicht.

Das Spielen ist lebensnotwendig, denn nur hier entwickeln Kinder ihre kognitiven Fähigkeiten, können ihre eigenen Erfahrungen sammeln und erhalten letztlich über das Spielen ihren persönlichen Zugang zur Welt. Sie lernen ihre Bedürfnisse kennen, kreativ zu sein, sich zu erproben, Hürden zu überwinden, Grenzen zu erkennen und Gefahren abzuschätzen. Sie spielen die Welt der Erwachsenen nach und lernen deren Bedeutungen.

In der Fantasie schaffen sich Kinder Erfahrungsmöglichkeiten, die in ihrer realen Welt nicht vorkommen (beispielsweise Prinzessin, Ritter, Indianer). Sich etwas auszudenken, motiviert Kinder, sich an einem Spiel zu beteiligen. Sie wollen selbst bestimmen, wohin das Spiel führt und auch kontrollieren, wie sich das Spiel entwickelt. Dieser Lernprozess ist die Basis der psychischen und physischen Entwicklung eines Kindes und darüber hinaus die beste Vorbereitung auf das schulische Lernen.

 

Kinder sind im Spiel gemeinsam aktiv

Im Spiel begegnen sich Kinder mit ihren Verschiedenheiten. Dabei steht eine Behinderung nicht im Vordergrund, sondern die unterschiedlichen Fähigkeiten, die sie im Spiel einsetzen. Im Allgemeinen versuchen Kinder gemeinsam, etwas aus ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen zu kreieren. Hierfür benötigen sie ihre Zeit, um herauszufinden, was der andere zum Spiel beitragen kann.

Dabei gibt es Kinder, die das Spiel gleich von Anfang an aktiv gestalten und auf der anderen Seite die zurückhaltenden, die erst einmal ruhig und beobachtend sind und abwägen, was sie tun können. Ganz automatisch erhält jedes Kind in der Gruppe seinen Platz und seine Aufgabe.

Je weniger Erzieher/innen hier Einfluss nehmen, desto mehr können die Kinder die Gruppendynamik spielerisch gestalten und die Synergieeffekte der vielfältigen Verhaltensweisen, Stärken und Schwächen ausloten und sinnvoll einsetzen. Nicht selten wird hier vonseiten der Erwachsenen der Fehler begangen, zu früh in diesen Prozess einzugreifen.

Jedoch hat die wissenschaftliche Pädagogik den Vorteil des freien Spiels als wichtige Bildungsgrundlage insbesondere im inklusiven Kindergarten längst erkannt. Deshalb werden Erzieher/innen heute darauf geschult, den Kindern im freien Spiel lediglich Tipps und Vorschläge anzubieten, ohne dabei zu stark in das Geschehen einzugreifen.

Ihre Aufgabe ist es, als Berater, Moderator und Vermittler zu fungieren. So sollten Erzieher/innen dafür Sorge tragen, dass besondere Spielprojekte angeboten werden, die vor allem die kognitiven Fähigkeiten fördern sowie hierbei frei zugängliches Spielmaterial zur Verfügung steht, das alle Sinne anspricht (Hören, Sehen, Schmecken, Riechen, Tasten, Fühlen etc.).

Sind in der Spielgruppe Kinder, die über einzelne dieser Fähigkeiten nicht verfügen (Hören, Sehen, Tasten usw.), dann sollten die Spielprojekte und das jeweilige Material hierauf abgestimmt werden. So könnte ein Spielzeug beispielsweise Geräusche machen oder über die Oberfläche Auskunft über den Gegenstand vermitteln.

Darüber hinaus sollten alle Spielgeräte handhabbar sein (z. B. für Linkshänder). An der Erfahrung, die durch die Beschaffenheit des Spielmaterials vermittelt wird, profitieren alle Kinder – mit oder ohne Behinderung. Durch bestimmte Spiele, wie das Hüpfen auf großen Bällen, wird beispielsweise nicht nur die Bewegungsfähigkeit der Kinder mit körperlichen Einschränkungen gefördert, sondern alle Kinder können solche therapeutischen Angebote auszuprobieren und haben Spaß in der Gruppe.

 

Inklusive Kindertageseinrichtungen verändern sich durch Spielmaterial, Raumgestaltung und Angebote

In inklusiven Einrichtungen herrscht nicht nur Vielfalt in Bezug auf die Lernbedürfnisse der Kinder, sondern auch im Angebot. Spielprojekte, Spielmaterialien aber auch die Spiel-/Lernräume selbst werden auf die Ansprüche und Bedürfnisse der Kinder angepasst.

So werden beispielsweise Räume durch unterschiedliche Zonen verschieden genutzt. Die Eltern helfen gern dabei, aktive und passive Spielzonen einzurichten. Es darf geklettert, sich versteckt oder sich zurückgezogen werden. Darüber hinaus wird den Kindern die Möglichkeit geboten, bestimmte Spielzonen selbst und je nach Bedürfnis umgestalten können.

Die offene Gestaltung der Räume sagt sehr viel darüber aus, welche Vorstellung die Erwachsenen vom Kindsein haben. Es gibt immer seltener Einrichtungen, in denen Kinder an einen Platz (Stuhl, Tisch) verwiesen werden. Auch der Außenbereich wird in der Regel so gestaltet, dass alle Kinder einen Zugang zum Sandkasten und zu den Spielgräten haben. Die Idee des freien Spiels ist also längst nicht mehr auf inklusive Einrichtungen beschränkt.

 

Inklusive Betreuung bedeutet Multiprofessionalität und Interdisziplinarität

Eine Kindertageseinrichtung ist nur so gut wie ihre Mitarbeiter. Dabei kommt der Einrichtungsleitung eine besondere Rolle zu. Sie sollte das Geschehen mit ihren Aussagen und Handlungen positiv beeinflussen. Ein Kindergarten „für alle“ hält dabei diverse Unterstützungsmöglichkeiten bereit, weshalb der inklusive Gedanke von allen Beteiligten getragen werden sollte.

In der inklusiven Arbeit erweitert sich der Kreis der Fachkräfte um Heilpädagogen, Sozialpädagogen und Therapeuten. Im Einzelfall gehört auch ein Kinderarzt zum Unterstützerkreis dazu. Entsprechend wächst das Team und zeichnet sich durch unterschiedliche Fachgebiete aus, deren vielfältige Kompetenzen sich fördernd auf die Kinder auswirken (Interdisziplinarität).

Je größer ein Team ist, desto wichtiger ist das kollektive Miteinander. Im Mittelpunkt der erfolgreichen Umsetzung des inklusiven Gedankens steht deshalb die konstruktive Kommunikation. In regelmäßigen Fallbesprechungen kann beispielsweise gemeinsam herausgefunden werden, welche konkreten Bedürfnisse die Kinder der jeweiligen Gruppe haben und welche individuellen Förderungen benötigt werden. Dabei dürfen die Eltern nicht vergessen werden, die mit ihren wertvollen Informationen und ihrer persönlichen Beteiligung unterstützend tätig sein können.

Inklusion ist nicht nur für Kinder zwischen 3 bis 6 Jahre gedacht, sondern auch für die Kinderkrippe. Vor allem die intensive Eingewöhnungsphase ist hier bedeutend, aber auch genügend Rückzugsmöglichkeiten für alle Kinder. Den unterschiedlichen Schlafbedürfnissen und pflegerischen Aufgaben soll nachgekommen und durch basale Bildungserfahrungen begleitet werden.

 

Für viele Eltern ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wichtig

Spricht man mit jungen Eltern, dann wollen sie den Beruf leben, aber dennoch nicht auf Familie verzichten. Das konservative Rollenverhältnis von Männern und Frauen weicht dabei immer mehr auf. Die stetig wachsende Unterstützung durch staatliche und nichtstaatliche Organisationen macht es heute weitgehend möglich, dass auch Eltern von behinderten Kindern ihrem Beruf nachgehen und somit selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen können.

Es liegt in der Natur der Sache, dass diesen Familien eine größere Hilfe durch Experten und Einrichtungen zur Verfügung gestellt wird. Ist dies in der Praxis der Fall, steigt auch die Bereitschaft dieser Eltern, ihre Kinder frühzeitig in Kindertageseinrichtungen und der Kinderkrippe zu geben.

Somit haben nicht nur mehr behinderte Kinder die Chance auf eine umfassende Bildung, sondern auch deren Eltern können ihr Recht auf berufliche und persönliche Entfaltung in Anspruch nehmen. Wenn also in Zukunft die inklusiven Kindergärten und Kinderkrippen verstärkt ausgebaut werden, bringt dies einen wertvollen Nutzen für die Betroffenen aber auch für die Gesellschaft und Volkswirtschaft.

Ich freue mich über Kommentare, Anregungen und Diskussionen. Bitte melden Sie sich, wenn sie einen Gastbeitrag schreiben oder im Podcast mitmachen wollen.

Inklusives Denken beginnt in den Köpfen und leitet ihr fühlen und handeln.

In diesem Sinne wünsche ich ihnen eine gute Zeit.

Esther Wolfram

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