Inklusion und Schule

Kann sich unser Bildungswesen auf Vielfalt einstellen?

Vielfalt. Dieses kleine Wort hat in der Vergangenheit schon mächtige Debatten ausgelöst. Die einen verbinden diesen Begriff mit Chancengleichheit, Ressourcenerweiterung, Partizipation oder schlichtweg einer Bereicherung des sozialen und kulturellen Lebens. Andere wiederum haben Angst vor Neuem und möchten am liebsten alles so belassen, wie es Jahrzehnte lang praktiziert wurde.

Im Zusammenhang mit der Vielfalt ist insbesondere das Thema „Inklusion an Schulen“ ein viel diskutiertes Thema und erhitzt bisweilen die Gemüter. Da gibt es die Befürworter, die mit aller Macht eine Veränderung herbeisehnen. Oder aber die Ängstlichen, welche befürchten, dass ihre Kinder nicht ausreichend gefördert werden. Zum anderen nutzen nicht selten Politiker dieses Thema für ihren Wahlkampf.

Und natürlich stehen vor allem unzählige Pädagogen zwischen den Fronten und fühlen sich allein gelassen. Denn gerade die Lehrkräfte sind es, die an der Basis mit dem Spagat zwischen den gestellten Ansprüchen und ängstlichen Anfeindungen überfordert sind.

Warum ist das so? Und weshalb bleiben wir nicht einfach beim Aussortieren bestimmter Kinder in Sonderschulen und schieben die Leistungsschwachen, Behinderten und Verhaltensauffälligen auch weiterhin dorthin ab, wo sie die breite Masse nicht wahrnimmt oder gar stört?

Weil es unser Grundgesetz so vorschreibt? Weil unsere Gesellschaft sich weiterentwickelt? Weil wir in einer multimedialen Welt nicht mehr die Augen verschließen und einfach sagen können: davon haben wir nichts gewusst?

Dabei ist die Vielfalt eigentlich nichts Neues. Sie war schon immer da. Nur ändern sich mit der gesellschaftlichen Entwicklung die Wertigkeit und damit die Ansprüche. Wenn wir zurückblicken, wird uns auffallen, dass wir schon längst mittendrin stecken im Prozess der Integration, Inklusion und damit Individualisierung des Unterrichtes.

Unser Bildungswesen ist nicht mehr vergleichbar mit dem der 1970er Jahre. Und doch kann heute die Schule im klassischen Sinne nicht mehr funktionieren. Die Veränderung ist also nicht der Beginn, sondern die Konsequenz aus der Vielzahl an Herausforderungen, die eine modere Gesellschaft an das Bildungssystem stellt. Aus dem Wunsch nach Akzeptanz, Individualität und Gleichberechtigung sowie der daraus resultierenden gelebten Heterogenität erwachsen zahlreiche Bedürfnisse, Anforderungen und Probleme.

Vielfalt ist kein Phänomen von Randgruppen

Unsere Gesellschaft verändert sich in einem stetigen Prozess. Sie ist nicht nur heterogener geworden, sondern auch komplexer. Die Zeiten, in denen Kinder beispielsweise aus einer „Arbeitersiedlung“ oder einem „Beamtenviertel“ in eine bestimmte Schule gegangen sind und mehr oder weniger gleich waren, gibt es nicht mehr.

Nicht nur in den Städten, sondern auch auf dem Land hat sich die Bevölkerungsstruktur grundlegend geändert. Die Kinder kommen aus diversen sozialen Strukturen mit unterschiedlichen kulturellen und religiösen Hintergründen, wachsen mehrsprachig auf und sind nicht selten frühzeitig auf sich allein gestellt.

Denn Familien sind nicht mehr statisch,  lokal ansässig und können in keine Schublade mehr gesteckt werden. Das klassische Rollenverhältnis hat längst ausgedient. Das Lebensmodell „Hausfrau“ existiert nicht mehr, genauso wenig wie die Großeltern als Garant für kostenlose und jederzeit verfügbare Kinderbetreuung.

Patchwork-Familien, Lebensgemeinschaften und Alleinerziehende bilden im 21. Jahrhundert die Realitäten. Darüber hinaus verlangen die heutigen Berufe örtliche und vor allem zeitliche Flexibilität. Kinder wohnen kaum noch bis zur Volljährigkeit an ein und demselben Ort, beide Eltern sind berufstätig – also kocht Mutti mittags kein warmes Essen mehr und die Hausaufgaben müssen auch selbständig erledigt werden.

Insofern ist Vielfalt und gelebte Heterogenität längst kein Phänomen, das nur einige wenige betrifft. Sie ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen und stellt keine Ausnahme mehr dar.

Kinder mit einheitlichen Lernvoraussetzungen gibt es nicht

Vor dem Hintergrund, dass Kinder mit ihren unterschiedlichen Lebensräumen, Erfahrungen und Interessen heute über keine einheitlichen Lernvoraussetzungen mehr verfügen, kann ein uniformes Lernangebot nur scheitern. Es liegt also in der Natur der Sache, dass homogene Lehrpläne den unterschiedlichen Ansprüchen und Anforderungen einer heterogenen Klassenstruktur nicht gerecht werden können.

Es geht nicht mehr nur darum, Schülern das Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen. Die Kinder müssen heute mit verschiedenen Sprachen, Weltanschauungen, intellektuellen, kulturellen, religiösen und sozialen Unterschieden und den daraus resultierenden Benachteiligungen, Gefahren in der Umwelt, wenig kindgerechten Räumen, den Chancen aber auch Nachteilen durch Internet und Medien, sinkendem familiären Rückhalt, Vereinsamung und vielem mehr zurechtkommen.

Hinzu kommt ein Variantenreichtum an Lebensmodellen und beruflicher Entfaltung im Kontext der Globalisierung. Die Kinder von heute werden nicht mehr Feuerwehrmann oder übernehmen das Familienunternehmen. Ihnen steht die Welt offen. Doch dieser Freiheit in der Lebensplanung steht der Druck gegenüber, sich möglichst viel Wissen anzueignen, schneller, weiter, besser zu sein und sich in der Gegenwart dieser unglaublichen Vielfalt nicht zu verlieren.

Was brauchen unsere Kinder heute?

Wenn es also das berühmte „Schema F“ nicht mehr gibt, stellt sich die Frage: Was brauchen unsere Kinder heute? In den letzten Jahren hat sich hier der Begriff „Schlüsselkompetenz“ entwickelt. Kinder sollen lernen, mit Unterschieden und Vielfalt umzugehen.

Denn Qualifikation bedeutet heute längst nicht mehr nur reines Fachwissen. Es geht um Schlüsselkompetenzen, wie Empathie, Teamfähigkeit und lösungsorientiertes Handeln. Grundvoraussetzung dafür ist das Erlernen von Akzeptanz gegenüber allem, was neu oder anders ist – also der Kern der inklusiven Schulbildung.

Hier können Kinder die nötigen Kompetenzen entwickeln, sich gegenseitig zu helfen, voneinander zu partizipieren und das Anderssein als Chance und Ressource zu begreifen. Erst dann wird es jungen Menschen möglich sein, sich in der Vielfalt einer globalisierten Welt zurechtzufinden und die sich ihnen bietenden Möglichkeiten tatsächlich zu nutzen.

Dieser Gedanke ist der Mittelpunkt einer inklusiven Schulbildung. Denn hierbei geht es nicht nur darum, dass Kinder lernen, Verständnis für körperlich oder geistig Benachteiligte zu entwickeln – wie allgemein angenommen. Auch wenn gerade der Umgang mit behinderten Kindern gezeigt hat, dass die Schüler ein positiveres Sozialverhalten zeigen sowie bereit sind zur gegenseitigen Rücksichtnahme und mehr Toleranz.

Die inklusive Schulbildung bietet Lernräume, statt Ausgrenzung. Entwickeln Schulen diese Idee für ein anspruchsvolles Schulsystem weiter, könnte endlich ein modernes Programm der individuellen Förderung entstehen, das dem gesellschaftlichen Wandel gerecht wird.

Alle Kinder wollen lernen

Jedes Kind hat ein natürliches Bedürfnis zu lernen. Besonders in der Grundschule ist dieses Lernbedürfnis besonders ausgeprägt und kann sowohl positiv als auch negativ beeinflusst werden. Die Lernmotivation hängt unmittelbar von den Sorgen, Nöten und den individuellen Befindlichkeiten eines Kindes ab und ist je nach Intellekt und Persönlichkeit äußerst differenziert zu betrachten.

Und obwohl das Elternhaus nach wie vor die entscheidende Rolle in der Erziehung spielt, ist die Schule als Teil des sozialen Gefüges wesentlich daran beteiligt, in welchem Umfang sich ein Kind entwickeln kann.

Vor dem Hintergrund der heterogenen Klassenstrukturen und individuellen Bedürfnisse der Kinder ist eine pauschale Leistungsüberprüfung heute nicht mehr ausreichend und zielführend. Probleme beim Lernen können nicht ausschließlich auf kognitive und intellektuelle Fähigkeiten zurückgeführt werden.

Die Ursachen liegen meistens im unmittelbaren Umfeld der Kinder und können nur durch Nachfragen, Beobachten und „Lernen durch Erfahrung“ diagnostiziert und bestenfalls behoben werden. Der richtige Weg sollte also die soziale Vernetzung und ein gesteigertes Interesse für die individuellen Bedürfnisse und Bedingungen der Kinder sein.

Darüber hinaus hilft eine ergänzende Förderdiagnostik bei der Konkretisierung von Lernschwierigkeiten. Ferner kann ein Portfolio erstellt werden, in dem der Lernstand des Kindes regelmäßig festgehalten wird und angibt, welcher Lernbereich als nächstes vermittelt werden sollte (was, wo, wann, von wem).

Natürlich ist der Mehraufwand für die Lehrkräfte hierbei nicht außer Acht zu lassen. Jedoch gibt unsere multimediale Welt genügend Unterstützung, ebenjene Arbeitsbelastung zu kompensieren. Denn im Computerzeitalter wird Lehrern die praktische Unterrichtsvorbereitung um einiges erleichtert.

Diese Zeitersparnis könnte in die individuelle Lernstandanalyse und -überprüfung investiert werden, etwa in Form von Excel-Tabellen oder Datenbanksystemen und der technischen Verknüpfung aller Unterrichtsfächer sowie Lernportale, Nachhilfeeinrichtungen etc. und letztlich der Vernetzung zwischen Lehrern, Elternsprechern und Schülern.

Jedes Kind kann heute mit einem Tablet-PC oder Smartphone umgehen. Insofern wäre es ein Leichtes, die schon heute zahlreich vorhandenen Lern-Apps in die pädagogische Arbeit zu integrieren. Analysiert der Lehrer Wachstumsbereiche beispielsweise in Mathematik, erhält der jeweilige Schüler individuelle Lernaufgaben zum entsprechenden Thema. Diese Hilfe zur Selbsthilfe ist nicht neu, wird jedoch immer noch viel zu wenig praktiziert.

Was zeichnet einen veränderten Unterricht aus?

Sowohl aufgrund der gesellschaftlichen Entwicklungen (z.B. berufstätige Eltern, verschiedene Nationalitäten und Lebensmodelle) als auch insbesondere im technischen Sinne sind Kinder heute weitaus selbständiger. Dies wirkt sich auch auf den Unterricht aus.

Im Mittelpunkt steht nicht mehr der Lehrer an der Tafel, der durch den Stoff führt, sondern das selbständige Lernen der Kinder. Schule hat heute Workshop-Charakter. Die Schüler müssen Kooperationen mit anderen Schülern eingehen, um Lerninhalte gemeinsam zu erarbeiten.

Dazu gehört der freie Zugang zu Lernmaterialien und Richtlinien zur Nutzung (leise sein, ordnungsgemäßer Umgang mit Material, Aufbereitung des gelernten Stoffes etc.). Im inklusiven Schulalltag erhalten die Kinder einen Wochenplan mit Pflicht- und Förderaufgaben, die innerhalb der freien Arbeit zu bewerkstelligen sind. So lernen Kinder schon frühzeitig, selbständig und zielorientiert im Team zu arbeiten (lernen) und sowohl die eigenen Bedürfnisse als auch die Stärken sowie Schwächen ihrer Mitmenschen einzuschätzen und damit umzugehen.

Was so wunderbar einfach klingt, wird in der Praxis jedoch allzu oft konterkariert. Individueller Unterricht vor allem für Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf kann nur gelingen, wenn die Voraussetzungen stimmen.

Besonders wichtig ist, dass die Lehrkraft einen klar überschaubaren und gut strukturierten Unterricht anbietet. Ganz besonders, wenn der Lerninhalt für die Schüler neu ist, braucht es gezielte Übungsangebote, um das Erlernte zu festigen.

Um dies realisieren zu können, ist eine zweite Lehrkraft pro Klasse unabdingbar. Ist zusätzlich ein Integrationshelfer anwesend, werden die Lehrkräfte deutlich entlastet. Leider steht dem Bedarf an gut geschultem Personal der Fachkräftemangel und die fehlende Einsicht der Länder und Kommunen gegenüber, hier genügend finanzielle Mittel zur Verfügung zu stellen.

Lehrer, Eltern und Schüler müssen sich auf eine neue Lernform einstellen

Die Erfahrung zeigt, dass nicht unbedingt die Schüler Probleme mit einer neuen Lernform haben. Es sind vor allem die Eltern und bisweilen auch die Lehrer, denen es schwerfällt, sich modernen Lehrmethoden zu öffnen.

Der Vergleich mit dem Schulsystem der guten alten Zeit und konservative Denkweisen sind wenig zielführend. Der Lehrer ist heute nicht mehr die Autoritätsperson, welche einen Frontalunterricht praktiziert. Die neuen Lernformen des sogenannten Projektunterrichts beziehungsweise des methodischen Lernens zeichnen sich dadurch aus, dass der Lehrer lediglich die Rolle des Moderators übernimmt.

Die Schüler sind hingegen nicht mehr passiv, sondern gehen von einer gewählten Problemstellung aus und entwickeln aktiv Lösungen durch Erfahrungen, Erprobungen und gegenseitige Kooperationen. Diese Form des Unterrichtes ist sehr anspruchsvoll und bedarf bester Vorbereitung sowie Kontrolle.

Die Schüler benötigen eine kompetente Anleitung und Unterstützung, damit es ihnen gelingt, sich in kleinen Gruppen auf den konstruktiven Lernweg zu begeben und die gestellten Aufgaben zu lösen. Auch die Eltern sollten in diese Lernmethode mit einbezogen werden, damit sie ihren Kindern hilfreich zur Seite stehen können.

Und nicht zuletzt sind es die Lehrer, welche erst dann einen offenen Unterricht anbieten, wenn sie sich in ihrer Position sicher fühlen. Voraussetzung hierfür ist fachliche Kompetenz und die Erkenntnis, dass die Umkehr von der aktiven in die passive Rolle zu besseren Lernergebnissen führt.

Die Lehrer brauchen Fortbildungen, Begleitung und Unterstützung

Damit sich die Lehrer gut vorbereiten und den Alltag bewältigen können, benötigen sie nicht nur Fortbildungen in Bezug auf Didaktik und Methodik, sondern auch Supervision. In Schulen mit einem inklusiven Unterricht sind Lehrer nicht mehr Einzelkämpfer und Fachspezialisten, sondern vor allem Teamplayer und Netzwerker (für: Zweitlehrer, Schulbegleiter, Integrationshelfer, Jugendsozialarbeit, Eltern) sowie Spezialisten für Kooperationen, Kreativität und Empathie.

Auch wenn die Wissensvermittlung die Kernkompetenz eines Lehrers sein sollte, reicht konservative Pädagogik und Fachwissen allein nicht mehr aus, um die Stärken der Kinder zu aktivieren. Die Basis für erfolgreiche Projekte sowie motivierte Schüler ist eine intensive und fachübergreifende Zusammenarbeit mit Kollegen und Eltern sowie die nötige fachliche Kompetenz.

Deshalb ist es zwingend erforderlich, dass Lehrern neben einer regelmäßigen Fortbildung auch ein „geschützter Raum“ zur Verfügung steht, in dem sie im Rahmen einer Supervision gemeinsam Ideen durchdenken, ausprobieren und reflektieren können.

Diese moderne Form der Pädagogik kann den Lehrer-Beruf weitaus innovativer und attraktiver machen. Denn letztlich hängt hiervon die erfolgreiche Weiterentwicklung des Bildungssystems ab, welches unmittelbar der sich verändernden Gesellschaft zugutekommt. Deshalb sollte das angestrebte Ziel Multiprofessionalität statt Eindimensionalität sein.

Ich freue mich über Kommentare, Anregungen und Diskussionen.

Inklusives Denken beginnt in den Köpfen und leitet ihr fühlen und handeln.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine gute Zeit.

Esther Wolfram

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