Kultur und Inklusion

Was bedeutet Inklusion in der heutigen kulturellen Entwicklung?

Zu Beginn des Jahres 2016 konnte ich ehrlich gesagt nur den Kopf schütteln, als ich las, dass das Wort „Gutmensch“ zum Unwort des Jahres (2015) gewählt wurde.

Zitat: „Eine Jury aus sechs Sprachexperten hat sich unter den eingesandten 669 Vorschlägen für Gutmensch als Unwort des Jahres entschieden. Mit dem Vorwurf Gutmensch, Gutbürger oder Gutmenschentum würden Toleranz und Hilfsbereitschaft pauschal als naiv, dumm und weltfremd, als Helfersyndrom oder moralischer Imperialismus diffamiert, begründete die an der Universität Darmstadt angesiedelte Jury ihre Entscheidung.“ (ZEIT ONLINE, 12. Januar 2016)

Nicht zuletzt durch solche fragwürdigen Aktionen erhält der Begriff „Gutmensch“ eine moralisch polarisierende Bedeutung, die dazu geeignet ist, diejenigen zu diskreditieren, die sich für eine bestimmte Sache einsetzen. Durch die Zuschreibung „Gutmensch“ entsteht eine Stigmatisierung mit negativem Charakter. Gegen diese Zuschreibung kann sich der stigmatisierte Mensch kaum wehren, da alles, was er als Argument bieten würde, seine Integrität infrage stellen könnte.

Besondere Verbreitung fand das Wort nicht nur bei Rädelsführern einer bestimmten – hier nicht weiter erläuterten – Szene, sondern auch Journalisten benutzen das Wort seither häufig für eine abwertende Beschreibung des Menschen in seiner natürlichen Tätigkeit – einer uns angeborenen Eigenschaft, die sich Mitmenschlichkeit oder Nächstenliebe nennt.

Wir alle sind soziale Wesen und tragen (mehr oder weniger) ein Mindestmaß an Bewusstsein in uns. Denn genau diese Grundeigenschaft unterscheidet uns vom Tier. Im Gegensatz zum Tier ist der Mensch sich seiner bewusst und erlebt sich selbst in seinem Denken und Tun. Der Mensch kann sich Gedanken über seine Vergangenheit machen, sich selbst im Hier und Jetzt wahrnehmen und sogar Vorstellungen bezüglich seiner Zukunft entwickeln. Er kann sich also selbst reflektieren und ist in der Lage, seine eigene Wirkung auf andere einzuschätzen sowie diese Erkenntnis in seine Handlungsplanung einzubeziehen.

Anthropologisch gesehen kommt der Mensch als unfertiges Wesen auf die Welt und besitzt im Gegensatz zum Tier nur wenige Instinkte. Der Mensch lernt nicht nur den aufrechten Gang, selbständig zu essen und zu trinken, die Sprache, sondern auch Verhaltensweisen, um in seiner Umwelt bestehen zu können.

Daraus erwächst ein großes Lernbedürfnis. Dem Menschen ist es möglich, durch Versuch und Irrtum, durch Lernen am Modell und durch Lernen durch andere seine Kenntnisse über seine Umwelt zu erweitern. Auf diesem Wege entwickelt er neue Fähigkeiten sowie eine große Freiheit, sich neuen Situationen anzupassen. Der Mensch ist den Gegebenheiten in der Welt also nicht wahllos ausgeliefert oder gar abhängig.

In diesem Zusammenhang möchte ich an die Überlegungen von George H. Mead zum Symbolischen Interaktionismus erinnern: Mead postuliert die Kommunikation des Menschen als eine wesentliche Fähigkeit. Innerhalb einer Familie und deren Umwelt entwickelt der Mensch sein Denken. Als Philosoph und Sozialpsychologe versteht Mead den Prozess der Sozialisation als eine Entwicklung der Persönlichkeit und Integration in die Gesellschaft. Erst hier heraus entwickelt sich die eigene Identität.

Was sind die Sozialisationsinstanzen in unserer Welt und wo wird Gutes gebildet?

Der Mensch als naturgemäß neugieriges und formbares Wesen macht seine Erfahrungen in der sozialen Umwelt, die sich stetig verändert. Daher ist die Sozialisation des Menschen ein lebenslanger Vorgang und gilt somit nie als abgeschlossen.

Der Prozess der Sozialisation findet in sozialen Gruppen statt, wie beispielsweise: Familie, Kindergarten, Schule, Ausbildung, Universität, Arbeitswelt, Freunde, Religionsgemeinschaft, Medien, Vereine, Ehrenamt, Ehe, Freundschaft, Seniorenheim, Pflegeeinrichtung, Gefängnis, Flüchtlingslager, Jugendszene … in Clubs, Vereinen, Parteien, gesellschaftspolitischen Gruppierungen (Slowfood, urbanes Gärtnern, Greenpeace …) Sekten und so weiter.

Der Mensch übernimmt Normen, Werte und Rollen sowie Positionen innerhalb dieser Gruppen. Dabei kommt es darauf an, wie stark das Machtgefälle ist, um frei denken und seine eigene soziale Identität herausbilden zu dürfen. Und so wie die Werte rein subjektiver Natur sind, gehen auch die Definitionen des Wortes „gut“ weit auseinander.

Warum gesellschaftliche Werte für unser Zusammenleben von Bedeutung sind?

Werte sind die vorherrschenden Vorstellungen von dem, was richtig und wünschenswert ist. Die dazu gehörigen Leitbilder, an denen sich das Verhalten der Individuen in einer Gesellschaft orientiert, sind für die Zukunft des Menschen richtungsweisend. Werte verdichten sich zu einem Wertsystem.

Jede Gruppe, Organisation oder soziale Gemeinschaft verfügt über ein eigenes Wertesystem, das grundsätzlich subjektiven Charakter besitzt. Dieses System muss nicht schriftlich fixiert sein, sondern überträgt sich durch Sprache, Haltung und Handlungen.

Der Mensch – ein gutes oder böses Wesen?

Wie hört es sich für Sie an, wenn sich sage: „ich glaube an das Gute im Menschen“?

Und damit meine ich die Fähigkeit des Menschen, Gutes zu tun. Ich gebe damit jedem Menschen einen Vertrauensvorschuss, welcher für den Aufbau einer Beziehung sinnstiftend und bindend ist. Wenn Sie und ich in Kontakt treten würden, dann wäre ein solches Vertrauen zueinander eine der wichtigsten Grundlagen für eine konstruktive Zusammenarbeit und Kommunikation. Wäre diese nicht als „Vorschuss“ gegeben, wäre ein Austausch zwar möglich, aber auf Dauer nicht erträglich.

Würde ich hingegen sagen: „der Mensch ist von Grund auf böse“, dann wäre ich Ihnen gegenüber misstrauisch und würde nach Fehlern suchen. Unsere Kommunikation wäre von Angst, Misstrauen und Skepsis begleitet. Das Ergebnis unseres Austausches wäre weitaus weniger fruchtbar und würde irgendwann eingestellt werden.

Zunächst ist die Vorstellung von einem guten oder bösen Menschen nichts weiter als eine von außen gestellte pauschale Bewertung.

Wie aber sehe ich mich selbst, welche Bewertungen schreibe ich mir selbst zu?

Grundsätzlich möchte jeder Mensch eine positive Wirkung auf andere haben. Bei dem einen ist dieses Bedürfnis mehr, bei anderen weniger ausgeprägt. Individuell ist auch die Leistungsbereitschaft in Bezug auf dieses positive Erscheinungsbild. In den meisten Fällen identifizieren sich Menschen über ihre Taten.

Hierzu gehört gleichermaßen derjenige, der sich für andere Menschen einsetzt, als auch der, welcher durch negatives Verhalten auf sich aufmerksam machen will. Wie bereits erwähnt, gründet sich die Definition von „gut“ auf persönlichen Erfahrungen und im jeweiligen sozialen Umfeld konstruierten Werten.

Der Mensch betrachtet sich vielleicht als eine „gute Mutter“ oder „guter Vater“, als „guter Schüler“, „guter Kollege“ und „guter Nachbar“. Ob er oder sie es tatsächlich ist, kommt auf die subjektive und individuell unterschiedliche Betrachtung sowie Bewertung an.

Bereits in der Antike setzten sich die Menschen mit den Tugenden auseinander. Insofern reden wir hier von etwas absolut Menschlichem und nichts Neuem.

So befasste sich beispielsweise Sokrates mit diesem Thema. Er beschreibt es als eine Einheit von Tugenden, die einen guten Menschen ausmachen.

Auch Homer, der Heilige Augustin, Shakespeare,  Proust  oder Brecht (der gute Mensch von Sezuan) widmeten sich dem menschlichen Wesen und staunten über dessen schier unbegrenzten Facettenreichtum.

Wenn wir nach Asien schauen, finden wir zum Beispiel Thich Nhat Han (1926), Zen-Meister, Dichter und Vertreter eines engagierten Buddhismus, der weltweit hohes Ansehen erhielt. In seinem Buch “Gut sein und was der Einzelne für die Welt tun kann” gibt er sein Wissen weiter.

Egal, wo und wann sich Menschen mit dem Wesen des Menschen auseinandersetzten, kamen ebenjene seit Jahrtausenden zu ähnlichen Schlussfolgerungen: Der Mensch ist von Natur aus gut, nur ist dieses „gut“ eine Frage der Definition und Perspektive.

Warum aber reagieren einige Menschen im Zusammenhang mit Inklusion so negativ?

Menschen, die Inklusion befürworten, wird nicht selten der Vorwurf gemacht, sie seien “Gutmenschen”. Warum? Weil Sie anderen Menschen Gutes tun wollen? Oder vielmehr, weil aus der Perspektive der „Ankläger“ die Inklusion schlichtweg anders definiert wird?

Den Inklusionsbefürwortern wird sehr häufig zur Last gelegt, dass sie eine rosarote Brille tragen und mit verklärtem Blick eine soziale Utopie herbeisehnen würden … dass Inklusion etwas Naives, vielleicht sogar etwas Unrealistisches sei. Diesen Vorwurf könnte man (aus einer anderen Perspektive betrachtet) direkt zurückgeben.

Wer sich um soziale Randgruppen und diskriminierte Minderheiten bemüht, steht meiner Meinung nach mehr im realen Leben, als der „normale“ Bürger in der sogenannten Mitte der Gesellschaft. Jener, der sich von Menschen mit anderer Hautfarbe oder Sexualität bedroht fühlt und verlegen wegschaut, wenn ihm ein Kind im Rollstuhl entgegenkommt.

Die Vertretung der Menschenrechte hat in meinen Augen überhaupt gar nichts mit utopischen, rosaroten Vorstellungen zu tun. Menschenrechte sollen das Recht auf gleichberechtigte Teilhabe, Gerechtigkeit und Freiheit garantieren.

Wer sich dafür einsetzt, dass alle Menschen – unabhängig von Hautfarbe, Religion, Sexualität, Nation, körperlicher oder geistiger Verfassung – dieselben Rechte genießen, der kann nicht naiv sein. Schon allein deshalb, weil nach wie vor Diskriminierung und Ausgrenzung die Realitäten unseres Alltags sind.

Abgesehen davon sind Inklusionsbefürworter nicht irgendwelche Cordhosen tragenden Grundschullehrer oder vergeistigten Professoren, die von der „richtigen Welt da draußen“ nichts mitbekommen. Die soziale Inklusion ist eine weltweite Aktion, welche unter anderem durch die UN-Behindertenrechtskonvention zu einer internationalen Norm avancierte.

Das Recht auf Teilhabe, Selbstbestimmung und Autonomie für alle Menschen bestimmt somit den Freiheitsgrad einer hochkultivierten Zivilisation.

„Ohne soziale Inklusion kann Autonomie praktisch nicht gelebt werden, und ohne Autonomie nimmt soziale Inklusion fast zwangsläufig Züge von Bevormundung an.“ (Heiner Bielefeldt)

Ziel der sozialen Inklusion ist es, nicht über, sondern mit den Menschen zu reden. Behinderung oder Transgender sollte nicht sprachlos machen, auch wenn die sprachlichen Herausforderungen bisweilen groß sind.

Inklusion bedarf einer selbstreflexiven Sprache, die sich in die Perspektive des anderen hineindenkt. Wenn man statt: „Er ist an den Rollstuhl gefesselt“ sagt: „Er benutzt einen Rollstuhl, um mobil zu sein“, dann verändert die Sprache den Blick auf die Situation.

Die Herausforderung besteht darin, sich der eigenen Sprache bewusst zu werden und keine Angst davor zu entwickeln, Mitmenschen mit ihrer Situation im Blick zu behalten. Es geht um eine Sprache, die ermöglicht, ermutigt und Normalität schafft.

Wird Inklusion zur Normalität, dann ist Vielfalt selbstverständlich ohne ein “Ja, aber …” möglich.

Warum freue ich mich auf eine inklusive Gesellschaft?

Wenn es nun ein Grundbedürfnis ist, dass jeder Mensch positiv wahrgenommen und entsprechend behandelt werden möchte, dann kann dies nur als Wechselwirkung verstanden werden. Wer Toleranz einfordert, muss selbst tolerant sein.

Heute lernen Menschen diese Grundmaxime des zivilisierten Miteinanders. In der Vergangenheit galt bislang eher das Gesetz des Stärkeren, die Überlegenheit der Rasse oder zumindest „wir sind gleich, aber ich bin gleicher“. Insofern ist der Weg noch weit, bis sich die oben genannte Grundmaxime in der Mitte der Gesellschaft etabliert.

Wenn jeder Mensch sich selbst bewusst wahrnimmt und seine eigenen Bedürfnisse auf die seiner Mitmenschen projiziert, also achtsam mit sich und den anderen umgeht, dann führt dies zwangsläufig zu mehr Gerechtigkeit auf unserer Welt. Wie sähe eine solche Welt aus?

In einer inklusiven Gesellschaft ist die gleichberechtigte Teilnahme an allen gesellschaftlichen Aktivitäten, auf allen sozialen und kulturellen Ebenen und in vollem Umfang für alle Menschen sichergestellt. Durch mehr Toleranz erreicht der Mensch für sich eine besondere Daseinsform – geprägt durch Unabhängigkeit und frei von negativen Einflüssen, wie Angst oder Hass.

Ob im Beruf, in der Bildung, Nachbarschaft, Familie oder Freizeit stehen sich Menschen ebenbürtig, wertschätzend und respektvoll gegenüber.

Ist dies nur eine sozial romantische Vorstellung der „Gutmenschen“?

Nein, Inklusion ist eine realistische, konkrete und menschliche Praxis zur Demokratisierung und Förderung von Gerechtigkeit und Gleichbehandlung.

Menschen als Problem anzusehen, auszusortieren, zu segmentieren, selektieren, kategorisieren … und dann in Institutionen, Sondereinrichtungen oder durch staatliche Zuwendungen ruhig zu halten oder gar wegzusperren, ist keine Lösung, sondern schafft nur neue Probleme. Wertvolle Teile der Gesellschaft wie eine Krankheit zu behandeln, bringt für das soziale Gefüge keine Lösung hervor.

Behinderung ist keine Krankheit, sondern eine Situation, die primär durch Barrieren in den Köpfen entsteht. Wird die Verschiedenheit von Menschen wahrgenommen, anerkannt und berücksichtigt, dann würden Faktoren wie Treppenstufen, Sonderschulen etc. anders wahrgenommen und in sozialpolitischen Entscheidungen berücksichtigt werden.

Darüber hinaus würden Hass und Angst vor dem Fremden oder Andersartigen keine tragende Rolle mehr spielen. Die Menschen hätten die Freiheit, von ebenjenem Fremden oder Andersartigen zu lernen und zu partizipieren. Inklusion ist daher eine Win-Win-Situation für alle Menschen, die in einer inklusiven Gesellschaftsform leben.

Und natürlich kann es zu Konflikten kommen, wenn viele verschiede Menschen aufeinandertreffen. Doch ist nicht der Konflikt das Übel, sondern die mangelnde Fähigkeit, einen solchen zu bewältigen.

Je mehr Menschen sich in Toleranz üben und lernen, dass das Fremde, Andersartige keine Bedrohung, sondern eine Bereicherung darstellt, desto schneller wird in ebendieser Mitte der Gesellschaft die Erkenntnis wachsen, dass Inklusion keine utopische Sozialromantik von „Gutmenschen“ darstellt. Inklusion fordert heute von den Betroffenen und Akteuren in der bestehenden Gesellschaft sehr viel ab.

Wir selbst haben es jedoch in der Hand, diese Situation zu ändern. Das macht unser Menschsein aus – genau wie das Bedürfnis, sich weiterzuentwickeln … hin zu einer höheren Stufe von Demokratie und Zivilisation.

Sind sie bereit, diesen Weg zu gehen?

Ich freue mich über Kommentare, Anregungen und Diskussionen. Ferner suche ich Teilnehmer für einen Podcast.

Inklusives Denken beginnt in den Köpfen und leitet ihr fühlen und handeln.

In diesem Sinne wünsche ich ihnen eine gute Zeit.

Esther Wolfram

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