Teil 2: Kommunale Teilhabeplanung führt zur Partizipation und Inklusion

Theorie und Praxis im Alltag der Menschen mit Behinderungen

Trotz ambitionierter Diskussion bleibt in der Praxis vieles beim Alten

In Fortsetzung des ersten Teils möchte ich mich heute tiefergehend mit der kommunalen Teilhabe beschäftigen. Bitte lesen Sie auch den ersten Teil.

Zur Erinnerung: Im letzten Blog habe ich erklärt wie Inklusion umgesetzt wird.

Ich habe erklärt was ein Aktionsplan ist.

Was im Nationalen Aktionsplan steht.

Wie die Länder und Gemeinden nun zur Umsetzung voranschreiten und welche Fragen offen bleiben.

Im heutigen Blog setzen wir uns mit der Schwierigkeit der Umsetzung der Konvention und der Möglichkeit der permanenten Ergebnisüberprüfung auseinander.

Auch wenn derzeit auf gesetzgeberischer und politischer Ebene viel getan wird, bleibt der Alltag für diese eine Million Menschen mit Behinderung unverändert. Denn sie erleben, dass die individualisierten Leistungen in den verschiedenen Leistungssystemen schwer zu koordinieren sind.

Beispielsweise gibt es keine geeigneten Service- und Beratungsstellen. Auch ein Grund dafür, warum die konkreten Auswirkungen der gesetzlichen Änderungen so schlecht zu lokalisieren sind. Eine starre Verwaltung in den Kommunen hemmt die Innovationsfreudigkeit der privaten Akteure und Betroffene fühlen sich alleingelassen. Mangelnde Kommunikation führt zu Missverständnissen und immer neuen Barrieren, die eigentlich abgeschafft werden sollen.

So finden die politischen Diskussionen vornehmlich ohne die Betroffenen selbst statt. Eine wirksame Behindertenpolitik kann aber nur gelingen, wenn vonseiten der Verantwortlichen verstanden wird, dass die Betroffenen die eigentlichen Experten sind und entsprechend mitverantwortlich gemacht werden.

Hier beginnt gelebte Selbstbestimmung, welche Mittelpunkt des neuen Bundesteilhabegesetzes sein soll. Und hier beginnt auch die Teilhabe, und zwar aller Beteiligten. Werden Menschen mit Behinderungen in Diskussionen einbezogen, so müssen im Rahmen der Durchführung bestimmte Maßnahmen getroffen werden, beispielsweise die Verfügbarkeit von Gehörlosendolmetschern oder aber das Verfassen oder zumindest die Übersetzung der Beratungsunterlagen in leichte Sprache.

Bereits in der Vorbereitung einer derartigen Veranstaltung wird klar, was Inklusion tatsächlich bedeutet. Man kann also viel von Teilhabe und Selbstbestimmung reden oder auf Papier bringen, doch erst das gelebte Miteinander wird zu einem umfassenden und praxistauglichen Ergebnis führen. Deshalb sollte insbesondere in der Behindertenpolitik das Ziel heißen:

„nicht über uns, sondern mit uns“.

Denn es geht nicht ausschließlich um bessere finanzielle Leistungen, die Rollstuhlrampe oder das Behinderten-WC in öffentlichen Einrichtungen. Es geht um die gesellschaftliche Akzeptanz, die im Kindergarten, der Schule aber auch im politischen Diskurs relevant ist. Besonders gravierend sind nämlich die Einschränkungen des subjektiven Wohlbefindens der Menschen mit Behinderungen durch:

  • fehlende Wertschätzung und verobjektivierende Umgangsweisen,
  • das Vorenthalten von Kommunikation, Beziehung, Aktivität und Selbstbestimmung in allen Bereichen,
  • mangelnde Assistenz und Hilfen bei der Erschließung der sozialen und materiellen Welt,
  • Ausschluss von der Teilnahme am allgemeinen Leben, was besonders schmerzlich ist.

Menschen mit Behinderungen leben weiterhin isoliert

Für Menschen mit Behinderung ist die Gestaltung der öffentlichen Räume ein wichtiges Instrument zur Teilhabe am öffentlichen Leben. Inzwischen wird hier viel getan, aber für den einzelnen Menschen noch zu wenig.

Häufig sind Theater, Kinos, Arztpraxen, Restaurants etc. für Menschen mit Behinderungen nicht oder nur sehr schwer zu erreichen. Oft fehlen Aufzüge, Hilfen für Hör- und Sehbehinderungen, Piktogramme, Rampen oder Material in leichter Sprache.

Für Menschen mit Behinderungen ist der Zugang zum gesellschaftlichen und kulturellen Leben erschwert. Durch mangelnde Barrierefreiheit sind sie überwiegend auf fremde Hilfe angewiesen. Freiheit nicht nur in Bezug auf Barrieren ist für viele dieser Menschen reine Utopie und treibt sie zwangsläufig in die Isolation von Heimen, da behindertengerechter Wohnraum leider nach wie vor schwer zu finden ist.

Wie soll also Selbstbestimmung praktiziert werden, wenn Menschen, die in einem Heim leben, schon allein aufgrund des segregierenden Systems im Allgemeinen einen geringeren Zugang zum öffentlichen Lebensraum und zur Arbeitswelt haben?

Ohne eigene Wohnung, eigenes Geld und fremdbestimmte Mobilität geraten viele Menschen mit Behinderung in einen Zustand des Phlẹgmas und der Isolation, weil sie nicht eingebunden sind in eine soziale Gemeinde.

Lebensqualität als Indikator für Teilhabe und Selbstbestimmung

Mit dem Begriff der Lebensqualität untersucht die Forschung acht Lernbereiche des Lebens, die Aussagen über die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen treffen können: Rechte, soziale Inklusion, Selbstbestimmung, physisches Wohlbefinden, persönliche Entwicklung, materielles Wohlbefinden, zwischenmenschliche Beziehungen, emotionales Wohlbefinden.

Schauen wir uns die Lebenswirklichkeit von Menschen mit Behinderungen unter diesen Aspekten genauer an, können wir Rückschlüsse ziehen, inwieweit Teilhabe überhaupt gelingen kann.

Die Rechte beziehungsweise gesetzlichen Veränderungen habe ich bereits gesprochen, aber darüber, ob und in welchem Maße Menschen mit Behinderungen ihre Rechte einklagen, habe ich derzeit keine Informationen.

Die soziale Inklusion ist ein entscheidender Aspekt, der auf die Gleichwertigkeit eines jeden Menschen abzielt. Dazu gehört die Anerkennung von Verschiedenheit unter der Voraussetzung der Solidarität in der Gemeinschaft. Wird eine Vielfalt von Lebensformen willkommen geheißen, dann ist Toleranz möglich. Nehmen Menschen mit Behinderung als freie Bürgerinnen und Bürger und damit Mitglieder der Gesellschaft selbstverständlich am allgemeinen Leben teil, dann gehören sie dazu. Doch wo und wann begegnen wir jenen Menschen mit Selbstverständnis? Der Alltag besteht hier in der Regel aus Ignoranz, Intoleranz oder aber Mitleid.

Die Selbstbestimmung von Menschen wird dann möglich, wenn sie Handlungsfähigkeiten besitzen, um durch Kontrolle über das eigene Leben und autonome Gestaltung des Alltags (im Sinne von Entscheidungskompetenz und -autonomie, Eigenverantwortlichkeit, Wahlfreiheit, Erschließen von Freiheitsräumen zur Bedürfnisrealisierung, individuelle Lebensführung) ihr Leben gestalten zu können. Doch wo findet tatsächlich autonomes Leben für Menschen mit Behinderungen statt?

Physisches Wohlbefinden hat nicht nur etwas mit medizinischen Befunden und der entsprechenden Behinderung zu tun. Viele Betroffene leiden unter der Isolation am Rande der Gesellschaft, unter der mangelnden Freiheit und Selbstbestimmung. Nicht selten entwickeln sich Krankheiten, die eine Folge von Stress und Depressionen sind. Wie lange würde ein nichtbehinderter Mensch dieses Leben in Unfreiheit aushalten?

Die persönliche Entwicklung kann nur gelingen, wenn Menschen einen Zugang zur Welt haben; also zu Bildung, Kunst, Politik und gesellschaftlichen Räumen. Niemand kann seine Persönlichkeit entfalten, wenn er nicht aktiv am Leben teilhaben kann – und das ist keine Frage der Behinderung.

Zwischenmenschliche Beziehungen sind wichtig zur Erfüllung der sozialen Bedürfnisse nach Zugehörigkeit, Anerkennung, Kommunikation und Interaktion. Das Gefühl, gebraucht zu werden, verleiht dem Dasein erst seinen Sinn. Inzwischen gibt es Versuche, dass Menschen mit Behinderungen an einem Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) als Helfer für andere Menschen mit Behinderungen teilnehmen. Dies kann für alle Beteiligten eine wichtige Lebenserfahrung sein.

Materielles und emotionales Wohlbefinden ist nur dann möglich, wenn die entsprechenden Möglichkeiten vorhanden sind. Viele Betroffene wollen auf „eigenen Füßen“ stehen und ihren Lebensunterhalt (zumindest teilweise) selbst bestreiten. Doch solange Menschen auf staatliche Transferleistungen angewiesen sind, weil sie selbst keinem Beruf nachgehen dürfen, es an Wohnraum mangelt oder sie für ihr Kind keinen geeigneten Kindergarten- oder Schulplatz finden, schränkt dies den Erfahrungshorizont, das Sozialverhalten sowie das Selbstwertgefühl und damit alle Facetten der Lebensqualität stark ein.

Und damit sind wir schon auch am Ende des zweiten Teil zur Teilhaberplanung, es folgt der dritte Teil zur Teilhaberplanung. Ich freue mich über Kommentare, Anregungen und Diskussionen.

Inklusives Denken beginnt in den Köpfen und leitet ihr fühlen und handeln.

In diesem Sinne wünsche ich ihnen eine gute Zeit.

Esther Wolfram

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