Teil 3: Kommunale Teilhabeplanung führt zur Partizipation und Inklusion

Theorie und Praxis im Alltag der Menschen mit Behinderungen

Sozialräumliches Verständnis

Der heutige Blog ist der dritte Teil der sich mit der kommunalen Teilhabe beschäftigt. Falls sie den ersten und zweiten Teil noch nicht gelesen haben, dann möchte ich ihnen empfehlen, dies zu tun bevor sie diesen Teil lesen. Da der Blog thematisch aufeinander aufbaut.

Im vorangegangenen Teil haben sie etwas über die Aktionsplane von Bund, Länder und Kommunen erfahren und wie sie umgesetzt werden. Sie haben mithilfe der Lebensqualitätsforschung die Möglichkeit zu kontrollieren, ob die Umsetzung tatsächlich auch gelingt.

Heute möchte ich mit ihnen positiv in die Zukunft schauen und Aspekte betrachten, wie die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention gelingen kann.

Sozialräumliches Verständnis ist die Basis für Veränderungen

Werden Menschen sortiert, kategorisiert und zugeordnet, findet eine Verobjektivierung statt. Dabei geht der Blickwinkel in genau eine Richtung, es werden nach rationalen Aspekten Entscheidungen getroffen, die oft an der Lebenswirklichkeit vorbeigehen.

Diese einseitige Wahrnehmung und Handlungsweise vonseiten der Verantwortlichen wird als institutionelle Segregation bezeichnet. Als Beispiel könnte man nennen, wenn ein sonderpädagogischer Förderbedarf festgestellt wird  und im Vordergrund der Verweis auf eine Sondereinrichtung besteht. In dieser Dimension ist die Ablehnung und Ausgrenzung von allgemeinen Sozialräumen im Denken eingeschlossen und individuelle Bedürfnisse bleiben dabei unberücksichtigt.

In diesem Zusammenhang ist immer häufiger die Aussage zu hören: „Wir werden behindert“. Damit wird auf die Wechselwirkung der Menschen mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen und den Barrieren in ihren Sozialräumen verwiesen.

Denn nicht selten entsteht ein Teil aller Beeinträchtigungen durch deprivierende Lebensbedingungen. Je mehr diesen Menschen ihre Rechte entzogen werden, die Gestaltungsmöglichkeiten und barrierefreie Rahmenbedingungen fehlen, desto geringer sind ihre Entwicklungsmöglichkeiten.

Leben sie in Stadtteilen mit einer hohen Sozialhilfedichte, dann wirken sich die sozialen Barrieren doppelt so hoch aus. Weder in den allgemeinen städtebaulichen Plänen noch in Behörden oder dem sozialen sowie privaten Wohnungsbau stößt die Gruppe der behinderten Menschen auf Interesse.

In der realen Welt der Wohnraumbeschaffung finden so gut wie keine Maßnahmen oder Vorkehrungen statt, die es Menschen mit Behinderungen ermöglicht, grundsätzlich ohne fremde Hilfe leben zu können. Dies ließe sich durch entsprechende Kommunikation und relativ leicht realisierbare bauliche Maßnahmen wesentlich verbessern.

Stattdessen wird die Struktur des Wohnens und des Lebens (Qualität) durch Institutionen gestaltet, welche die konkreten Bedürfnisse der Menschen mit Behinderungen und ihr Recht auf Selbstbestimmung und Teilhabe schlichtweg vergessen. Staatliche Unterstützungssysteme bestimmen die Sozialräume der Menschen mit Behinderungen.

In den Köpfen der Verantwortlichen trägt das Leitmodell „Anstalt“ zu einem entkoppelten Raum bei. Das heißt, durch die Institutionalisierung findet naturgemäß kaum ein Zugang zum öffentlichen Leben statt.

In der Bevölkerung entsteht eine Sichtweise von Verwahrung und Disziplinierung. Der institutionalisierte Raum gilt als normal, auch wenn die Lebenswelt von Menschen mit Behinderungen sich erheblich von dem der restlichen Bevölkerung unterscheidet.

Von diesem Gesichtspunkt aus gesehen, agiert die Behindertenpolitik zwar gemäß ihren Vorschriften, verhandelt mit Verbänden, Trägern und Verwaltungen – jedoch vorbei an der Lebenswirklichkeit der Menschen mit Behinderungen.

Es ist daher kein Zufall, dass die individuellen Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen nicht gesehen werden. Soll sich hier etwas ändern, dann dürfen die individuellen Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen nicht nur ein Randthema in der kommunalen Sozialplanung darstellen.

Wenn wir uns die Sozialräume jener Menschen etwas genauer anschauen, dann leben diese in Einrichtungen der Wohlfahrtspflege. Also in öffentlichen Räumen, die wenig bis gar nicht gestaltbar sind. Innerhalb dieser Räume bieten professionelle Helfer Unterstützung zur Alltagsgestaltung. Hier findet die Freizeit statt, werden Therapien durchgeführt, zum Teil auch einer Arbeit nachgegangen, Freundschaften gepflegt und Beziehungen eingegangen.

Jede dieser Aktivitäten geschieht unter der professionellen Aufsicht Dritter. Selbst wenn private Rückzugsorte angeboten werden, bleiben die dort lebenden Menschen fremdbestimmt und gefangen in der Isolation.

Da hilft es auch wenig, wenn die Helfer angehalten werden, die professionelle Unterstützung entsprechend dem Normalisierungsprinzip zu organisieren. Allein aufgrund der institutionellen Bedingungen ist ein Ausgleich nicht möglich und der Heimalltag hat in den meisten Einrichtungen nur äußerst wenig mit „normalen“ Lebensbedingungen gemeinsam. Entsprechend negativ fallen die Untersuchungen bezüglich der Lebensqualität aus.

Partizipation beginnt mit Anerkennung: Behinderte als Experten in eigener Sache

Werden alle Menschen als Gleiche unter Gleichen behandelt, dann können sie auch als gleichwertige Partner in die unterschiedlichen Prozesse eingegliedert werden. Denn die Fähigkeit zur Partizipation kann letztlich nur erworben werden, wenn Menschen sich anerkannt fühlen.

Unterschiedliche Ausgangssituationen, wie soziale Lebenslagen, verschiedene Perspektiven, Umweltfaktoren, Alter, Migrationshintergründe, Lernschwierigkeiten, Einschränkungen, Erfahrungen, Genderaspekte etc., dürfen nicht zu einer Sichtweise der Kategorisierung führen.

Diese Vielfalt sollte vielmehr als etwas Normales, Positives und Allgegenwärtiges in den Städten und Gemeinden wahrgenommen werden.

Zur Partizipation gehört aber neben der Anerkennung als solche auch die Möglichkeit zur Teilhabe. So sollte die Selbstvertretung mehr in den Fokus der öffentlichen und politischen Diskussion und Handlung rücken. Konkrete Schulungen können die Basis dafür schaffen, dass Menschen mit Behinderungen am Diskurs und schließlich an der Schaffung der Rahmenbedingungen beteiligt werden und ihre Rechte somit selbst vertreten können.

Eine große Unterstützung kann hier das bürgerliche Engagement bieten. Menschen, die sich gern sozial engagieren, können Menschen mit Behinderungen dabei unterstützen, ihre Rechte wahrzunehmen, sich in Gremien zur Teilhabeplanung einzubringen oder gar eigene Gruppen zu gründen. Gemeinsame Projekte (z. B. der Bau eines Mehrgenerationshauses) können in Stadtteilen oder auch in ländlichen Regionen auf bestehende Probleme hinweisen und diese in Eigeninitiative lösen.

Neue Wege gehen, heißt auch Veränderungen zuzulassen

Partizipation ist natürlich eine Herausforderung für alle und kann in diesem Podcast nur angedacht werden. Die vollständige Lösung kann hier allerdings nicht geboten werden. Jedoch soll der Hinweis auf andere Sichtweisen die bescheidene Möglichkeit eröffnen, Ideen zu entwickeln und den Gedanken der Inklusion in die richtige Richtung zu lenken.

Denn eine der größten Herausforderungen dieses relativ neuen Feldes ist die Veränderung selbst, welche ein Umdenken und eine Abweichung der bisherigen Denkweisen abverlangt. Dies bereitet insbesondere den Politikern Schwierigkeiten, da sie sich auf die Bedürfnisse aller Bürger einstellen und somit im ständigen Spagat zwischen diversen Ansprüchen agieren müssen.

Darüber hinaus ist zukünftig in allen Bereichen der Politik und Sozialverwaltung ein Umdenken notwendig. Nur so kann die UN-Konvention auch tatsächlich zur Zufriedenheit aller Bürger umgesetzt werden.

Statt bereits definierte Unterstützungsangebote zu untersuchen und weiterzuentwickeln, sollte sich eine praxisbezogene Wahrnehmung und entsprechende Planung der individuellen Bedarfe etablieren. Sogenannte „Teilhabezentren“ könnten erste Anlaufstellen sein.

In diesen Zentren sollte eine professionelle Beratung bezüglich der Hilfeplanung und der inklusiven Unterstützung durch das Gemeinwesen stattfinden. Von dort aus organisiert, lassen sich neue Kooperationen unter Einbeziehung der Betroffenen und Verantwortlichen finden.

Teilhabezentren: Initiator für inklusive Prozesse 

In der Behindertenarbeit sind wir derzeit daran gewöhnt, eine beschützende und behütende Dienstleistungsstruktur vorzufinden. Doch diese gut gemeinten Leistungen führen dazu, dass Menschen mit Behinderungen in ihrer Eigeninitiative und Selbstverantwortung eingeschränkt sind.

Was muss sich daher ändern?

  • weiterer Abbau von Barrieren,
  • Unterstützung gemeindenaher Gremienarbeit,
  • lokale Netzwerke für Menschen mit Behinderung,
  • örtliche Inklusionsberatung,
  • Unterstützung der Bürgerzentren, Stadtteilläden, Bürgervereine, Freiwilligenagenturen, Begegnungsstätten, Mehrgenerationenwohnanlagen, Öffnung der Sportvereine und Volkshochschulen, Aufbau von Teilhabezentren etc.,
  • Entwicklung dauerhafter Beteiligungsformen,
  • Neugestaltung der institutionellen Unterstützung. Professionelle Helfer sind keine Aufpasser, sondern Assistenten mit Beraterfähigkeiten zur Unterstützung der gesellschaftlichen Teilhabe und Selbstbestimmung. Sie sind Alltagsgestalter mit Biografieausbildung, Fürsprecher, Netzwerker, Dolmetscher bei sprachlichen Barrieren, Förderer von Fähigkeiten, Wegweiser und Zuhörer.

Auch und vor allem müssen sich die öffentlichen Verwaltungen in ihren Strukturen neu organisieren und somit den Erfordernissen der Teilhabe anpassen.

Dazu gehören:

  • die Finanzierungsmöglichkeiten der Teilhabe,
  • die Kooperationen zwischen den Leistungsanbietern,
  • die Stärkung der sozialen Netze,
  • die Förderung und der Erhalt der Gesundheit,
  • die Gestaltung neuer Bildungswege und -angebote,
  • die Unterstützung eines inklusiven Arbeitslebens,
  • die Ermöglichung, in Partnerschaften zu leben
  • die Entwicklung inklusiver Wohnräume.

Das aktive Miteinander bietet die Möglichkeit zur Teilhabe

Die Gemeinde ist der legitimierte demokratische Raum und eine wichtige Entscheidungsinstanz. Trotzdem kann sie allein als Akteur unter vielen nicht Teilhabe herstellen und inklusive Strukturen erzwingen. So spielen andere Systeme wie Wirtschaftsstruktur, Bildungspolitik, Arbeitsmarkt, Sozialgesetze, Wohnungsmarkt, soziale Dienste und vieles mehr eine wichtige Rolle.

Jede Gruppe in einer Gemeinde will ihre Interessen voranbringen. Oft stehen jedoch diese unterschiedlichen Interessen im Widerspruch zueinander. Hier hilft nur die konstruktive Kommunikation.

Nun sind die Gemeinden aufgrund der Vorschriften und Gesetze dazu verpflichtet, Barrierefreiheit zu realisieren. Viele Gemeinden, Kommunen oder Städte haben bereits mit einem Aktionsplan darauf reagiert. Solche Planungen sind in der Regel nicht konfliktfrei und deshalb langwierig. Auch hier liegt meines Erachtens die Lösung in der Kommunikation.

Eine weitere Möglichkeit zu mehr Teilhabe können Formen der Selbstorganisation sein, wie Selbsthilfegruppen, Bürgerbewegungen, Veröffentlichungen und politische Teilhabe in den Parteien. Hier könnten nicht nur Impulse gesetzt, sondern auch konkrete Forderungen formuliert und in die Parlamente eingebracht werden.

Gerade durch die sozialen Netzwerke werden immer mehr Gruppen aktiv. Zudem ermöglichen diese einen Zugang zu den öffentlichen Räumen. Blogs, Podcasts, Videofilme und deren Verbreitung über Twitter, Facebook & Co. sind also ebenfalls Möglichkeiten der Teilhabe.

Allerdings geschieht dies nicht zwangsläufig von allein. Deshalb sollte hier die Politik dringend finanzielle und/oder räumliche Unterstützungen geben, um den wichtigen kommunikativen Prozess zu unterstützen und zu beschleunigen.

Dranbleiben! Positive Beispiele machen Mut

Zum Schluss dieses Podcastes möchte ich ein paar wenige aber trotzdem wichtige Beispiele nennen, die einfach deutlich machen, dass sich etwas bewegt.

  • „Was geht? Kunst und Inklusion“, Kulturreferat München. Eine Veranstaltungsreihe mit über 100 Partnern aus der Kulturszene, die Menschen mit Behinderungen in ihre Projekte integrieren (http://www.muenchen.de/veranstaltungen/kunst-und-inklusion.html).
  • Bridge Preis, Lebenshilfe Baden-Württemberg. Der Bridge Preis wird an herausragende Akteure der inklusiven Erwachsenen- und Weiterbildung vergeben. Dagmar Mikasch-Köthner, Direktorin der Volkshochschule Stuttgart, ist in diesem Jahr Mitglied der Jury. Die Verleihung findet am Donnerstag, den 27.Oktober 2016, ab 17.00 Uhr im Robert-Bosch-Saal im TREFFPUNKT Rotebühlplatz der VHS Stuttgart statt (http://www.lebenshilfe-bw.de/bridge-preis-2016).
  • Gelbe Bahnsteigrampen am Münchner Hauptbahnhof. Die Rollstuhlfahrer beklagen sich mit Recht immer wieder, dass der Nahverkehr zu wenig für Rollstuhlfahrer geeignet ist. Seit März 2015 erleichtern gelbe Bahnsteigrampen am Münchner Hauptbahnhof und weiteren Bahnhöfen den Ein- und Ausstieg. Ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung und in das Bewusstsein des öffentlichen Nahverkehrs.
  • Kino-APP GRETA für Blinde und Gehörlose: Was bei vielen TV-Programmen bereits Normalität ist, wird nun auch im Kino möglich. Mithilfe einer Audio-Deskription via App können Menschen mit Einschränkungen in Kinos nun ebenfalls die neuesten Blockbuster barrierefrei genießen (http://www.gretaundstarks.de/greta/greta).
  • WOHN:SINN – eine Plattform für inklusives Wohnen (http://wohnsinn.org)
  • Netzwerk Leichte Sprache – ein Verein, der unterstützend auf das Recht auf Information und Bücher einwirkt (http://leichtesprache.org).
  • PARTicipation stärkt Eltern von Kindern mit Behinderungen darin, ihr Kind in seiner Besonderheit wertzuschätzen und es auf dem Weg in eine selbstbestimmte Zukunft zu begleiten.
  • Netzwerk People First in Deutschland – ein Verein, der Menschen mit Lernschwierigkeiten in Projekten unterstützt (http://www.menschzuerst.de).
  • Jakob-Muth-Preis, ein Gemeinschaftsprojekt der Beauftragten der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen, der Deutschen UNESCO-Kommission e.V. und der Bertelsmann-Stiftung. Der Preis zeichnet seit 2009 inklusive Schulen aus, verbunden mit einem Preisgeld in Höhe von 3.000 Euro (http://www.jakobmuthpreis.de/startseite).
  • Fachpreis „Arbeit und Qualifizierung“ der Landesregierung Nordrhein-Westfalen. Hiermit werden Beispiele aus der inklusiven Praxis gelobt, wie beispielsweise der „Godesburger“ – Deutschlands erstes inklusives Burger-Restaurant in Bonn/Bad-Godesberg (http://www.godesburger.com).

Diese Liste könnte ich noch weiter ausführen, da durch das stetig wachsende Engagement immer mehr wundervolle Projekte entstehen.

Möchten Sie ein Projekt durch einen Gastbeitrag oder einem Interview vorstellen, dann sind Sie herzlichst eingeladen. Gern berichte ich über Ihr Projekt. Schreiben Sie mir ein paar Zeilen und ich rufe sie gern zurück.

Hier können Sie noch mehr zum Thema Teilhabe finden …

http://www.behindertenbeauftragte.de/DE/Themen/RehabilitionundTeilhabe/TeilhabeamLebeninderGemeinschaft/TeilhabeamLebeninderGemeinschaft_node.html 

Ich freue mich über Kommentare, Anregungen und Diskussionen.

Inklusives Denken beginnt in den Köpfen und leitet ihr fühlen und handeln.

In diesem Sinne wünsche ich ihnen eine gute Zeit.

Esther Wolfram

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